Instructional Design & E-Learning: Zwischen Gesprächen, Konzepten und digitalen Lernwelten
by Amanda Rosengarth, Co-Founder / Maßnahmenleitung
Der Arbeitsalltag im Instructional Design
Der Arbeitstag beginnt mit einer Nachricht: „Wir brauchen einen kurzen Onlinekurs zur neuen Software. Die Unterlagen liegen im Ordner.“
Im Ordner warten 60 Präsentationsfolien.
Für eine Instructional Designerin oder einen Instructional Designer beginnt damit die Frage: Was müssen die Mitarbeitenden später mit der Software tun können?
An einem beispielhaften Arbeitstag lässt sich zeigen, wie aus dieser Frage ein Lernangebot entsteht. In der Praxis verteilen sich die folgenden Aufgaben über mehrere Tage oder Wochen.
Morgens: Herausfinden, wo das Problem liegt
Im Gespräch mit der Fachabteilung wird deutlich: Die Mitarbeitenden kennen die wichtigsten Funktionen bereits. Schwierigkeiten entstehen, wenn sie unvollständige Kundenanfragen bearbeiten müssen.
Eine Kollegin zeigt einen typischen Fall. An welcher Stelle fehlt eine Information? Welche Entscheidung muss getroffen werden? Was passiert, wenn jemand den falschen nächsten Schritt wählt?
Solche Gespräche gehören zum Kern der Arbeit. Instructional Designer hören zu, fragen nach und unterscheiden zwischen fehlendem Wissen und anderen Hindernissen. Vielleicht braucht es eine Übung. Vielleicht muss aber auch eine Zuständigkeit geklärt werden.
Die systematische Analyse von Lernbedarfen ist ebenso Teil des Berufsprofils wie die spätere Entwicklung und Evaluation von Lernangeboten. IBSTPI: Instructional Designer Competencies
Vormittags: Aus Fachwissen einen Lernweg entwickeln
Nach dem Gespräch entsteht ein erstes Konzept. Das Lernziel wird konkret: Die Mitarbeitenden sollen bei einer unvollständigen Anfrage erkennen, welche Angaben fehlen, und die passende Rückfrage formulieren können.
Dazu entwickelt die Instructional Designerin ein realistisches Beispiel. Lernende sollen selbst entscheiden, wie sie vorgehen würden. Anschließend erhalten sie eine Erklärung zu ihrer Auswahl.
In einem Storyboard hält sie fest, welche Inhalte, Aufgaben und Rückmeldungen aufeinanderfolgen. Dabei ist auch das Weglassen eine wichtige Entscheidung. Welche Informationen brauchen die Lernenden jetzt? Was können sie später bei Bedarf nachschlagen?
Mittags: Gemeinsam um die richtige Erklärung ringen
Im Abstimmungsgespräch merkt ein Fachexperte an: „So einfach können wir das nicht darstellen. Es gibt noch drei Sonderfälle.“
Jetzt braucht es Fingerspitzengefühl. Die Sonderfälle sind fachlich relevant. Gleichzeitig sollen Menschen, die den Ablauf gerade erst kennenlernen, eine verständliche Orientierung erhalten.
Gemeinsam entsteht eine Lösung: Der typische Ablauf wird zuerst geübt. Die Sonderfälle werden anschließend ergänzt.
Solche Abstimmungen können einen erheblichen Teil der Arbeit ausmachen. Dazu gehören auch Rückfragen, widersprüchliche Kommentare und die Suche nach Beispielen, die fachlich korrekt und verständlich sind.
Nachmittags: Bauen, ausprobieren, überarbeiten
Nun wird ein Teil des Konzepts als digitaler Prototyp umgesetzt. Texte, Schaltflächen und Rückmeldungen müssen zusammenpassen. Eine Verzweigung führt noch zur falschen Seite, eine Erklärung ist zu lang, auf dem kleinen Bildschirm verrutscht eine Grafik.
Dann probiert eine Person aus der Zielgruppe den Entwurf aus. Sie klickt an einer unerwarteten Stelle und versteht eine Frage anders als vorgesehen.
Genau diese Beobachtungen helfen weiter. Die Formulierung wird präziser, die Navigation klarer. Der Entwurf entwickelt sich durch Rückmeldungen.
Je nach Team übernehmen Instructional Designer die technische Umsetzung selbst oder arbeiten dafür mit Mediengestaltung und Entwicklung zusammen.
Zum Feierabend: Prüfen, was noch fehlt
Der Lernbaustein funktioniert. Offen bleibt, ob die Mitarbeitenden das Gelernte später auf neue Anfragen übertragen können.
Deshalb wird schon vor der Veröffentlichung überlegt, wie sich das überprüfen lässt. Eine passende Praxisaufgabe kann dafür aufschlussreicher sein als die Frage, ob der Kurs gefallen hat.
Auch das gehört zum Arbeitsalltag: Annahmen überprüfen, Ergebnisse einordnen und Lernangebote weiterentwickeln.
Passt dieser Alltag zu dir?
Im Instructional Design wechseln sich konzentrierte Einzelarbeit und Zusammenarbeit ab. Du formulierst, gestaltest und testest. Gleichzeitig führst du Gespräche, erklärst Entscheidungen und überarbeitest Ideen.
Wenn du aus Unterricht, Training, Redaktion, Design oder Personalentwicklung kommst, werden dir einzelne Aufgaben vertraut vorkommen. Dazulernen wirst du dort, wo dein bisheriger Schwerpunkt endet.
Freude an verständlichen Erklärungen ist ein guter Anfang. Ebenso hilfreich sind Neugier, Geduld und die Bereitschaft, einen sorgfältig ausgearbeiteten Entwurf noch einmal zu verändern.
Denn manchmal zeigt erst ein kurzer Test, welche Frage die Lernenden tatsächlich beschäftigt.
Wenn du diesen Prozess selbst ausprobieren möchtest, begleitet dich unsere Weiterbildung für E-Learning und Instructional Design von der ersten Bedarfsanalyse bis zu deinem eigenen Portfolio-Projekt. Auf der Kursseite findest du auch Informationen zur möglichen Förderung mit Bildungsgutschein.
Dieser Beitrag ist auch auf Amandas Substack erschienen.
